Tschetschenenführer schafft seine Ordnung

Ramsan Kadyrow, egozentrischer, autokratischer Herrscher in der kleinen tschetschenischen Autonomie im Nordkaukasus, werkelt weiter am Abbau der russischen Verfassung in seinem Herrschaftsbereich. Und an der Überwachung seiner Landsleute bis hinein ins Private, Religiöse und in das Denken.

Dafür erfand er das gruselige Wort von der „Passportisierung“. Demzufolge hat sich jeder Tschetschene zwischen 14 und 35 Jahren einer geistig-ethischen Überprüfung zu unterziehen. Anschließend erhält er ein Dokument, in dem seine persönlichen Charaktereigenschaften, seine Nationalität sowie die Zugehörigkeit zum Tejp (tschetschenischer Clan) festgehalten sind. Damit nicht genug, sind dort auch diejenigen benannt, die nach Meinung des tschetschenischen Herrschers die Verantwortung für den Inhaber des Papiers zu tragen haben. Das ist zum einen die Familie, die Eltern, die Onkeln und Tanten. Zusätzlich enthält das Dokument auch noch Angaben über die Sufi-Bruderschaft des Pass-Inhabers sowie über dessen islamisch-geistigen Lehrer. Quelle: http://parlamentchr.ru/press-centre/news/3058-dukhovno-nravstvennaya-pasportizatsiya-molodezhi.

Bei Minderjährigen sind normalerweise die Eltern die Erziehungsberechtigten, die im Falle eines Fehlverhaltens ihres Sprösslings dafür gerade stehen müssen. Das wäre angemessen. Aber „Verantwortliche“ für das Verhalten eines Erwachsenen in einem – zumindest nach Kadyrows Vorstellung  – „offiziellen Dokuments“ zu benennen, ist nichts anderes als eine weitere Variante von Sippenhaft, die in seinem Herrschaftsbereich seit Jahren angewandt wird. Widerstand gegen den Alleinherrscher in Tschetschenien wird so unter dem Vorwand des Anti-Terrorkampfes niedergehalten. Der Hinweis, das sei eben der Kaukasus, greift nicht. Auch Tschetschenien ist – zumindest bis jetzt – Teil der Russischen Föderation. Und dort gilt die russische Verfassung, für deren angebliche Einhaltung Moskau zwei blutige Kriege mit über 100.000 Toten geführt hat. Tschetscheniens Alleinherrscher Kadyrow hat sich aus dieser Ordnung längst verabschiedet. Mit Duldung Moskaus.

Dafür blickt Kadyrow befriedigt auf seine Mannen seines Innenministeriums, die sich immer öfter ins Gebet vertiefen. Darüber werde keine Statistik geführt, hieß es in der Institution. Man wusste dort indes recht genau, dass jeder seiner Mitarbeiter in der Zeit vor dem Geburtstag des Propheten Mohammed (20. November bis 27. Dezember 2015) den Berechnungen nach 300.000 Mal gebetet hat. Vornehmlich das Salawat, eine aus einem Wort bestehende Gebetsformel.  Familienangehörige werden mitgezählt. Kadyrow errechnete so die Zahl von 1,3 Millionen Salawat-Gebete, „und das freut uns unendlich“. Quelle: http://www.rbc.ru/politics/27/11/2015/565870829a79476cf2bcbce9.

Zurück zur Übersicht
2019-02-21T09:25:05+02:00